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Leseprobe

LESEPROBE »AURAXON - DER GOTEN GRAL«
 

* Um die erste Jahrtausendwende in Asturien, an der Atlantikküste Spaniens *

 

Aus dem Schrei eines sterbenden Vogels und einem Tropfen fallenden Morgentaus wurde ich geboren. Und noch bevor ich erkennen konnte, welche Art von Vogel es war, stürzte er tot an mir vorbei in die Klippen. Kurz zuvor aber wusste ich weder, was ein Vogel war, noch, was Stimmbänder oder der Morgentau hätten sein können. Und während ich so hoch über der dämmernden Seite der Erde schwebte, erfasste ich, dass sie ein kugelförmiger Planet war, von magnetischen Strömungen umgarnt.

Dann sah ich im Mondschein einen Rehbock, eine Ricke und ein Kitz – eine Huftierfamilie, wie ich erst später erfuhr. Und lernbegabt, wie ich war, begriff ich sofort, wie das Leben auf Erden funktionierte: Es benötigte das Männliche und das Weibliche, um neues Leben zu zeugen. Ein Planet voller vorprogrammierter Konflikte – schien mir – und bestimmt kein Wonnelecken.

Wie auch immer, plötzlich war ich da, schwebend, oberhalb der Brandung und den weißen Klippen. Der Morgen dämmerte. Unweit schlummerte ein kleines Fischerdorf, wie ich gerade erkannte, obwohl ich keine Augen hatte, keine Form, kein Antlitz und obwohl ich nie zuvor ein Menschendorf gesehen hatte –  geschweige denn einen Menschen. Und wenn doch, dann erinnerte ich mich einfach nicht mehr da­ran. Damals noch!

Ich war einfach nur körperlos da, um unmittelbar zu begreifen und Stück für Stück zu einem Wesen heranzureifen, dessen Ziel ich noch nicht kannte. All das hier diente mir bloß als Zwischenziel. Sonst besaß ich nichts als die einfache Wahrnehmung und den Drang, eine reine Menschin zum Ursprung aller Dinge zu begleiten. Das war alles, was ich zu jenem Zeitpunkt wusste, ahnte, spürte – als ein unsichtbares, unfertiges Geschöpf in den Lüften.

Und siehe, derselbe Vogelschrei, aus dem ich geboren wurde, weckte zugleich jene Jungfrau aus dem Schlaf, die abseits vom Dorfe, einsam auf einem Klippenfelsen die Nacht verbrachte. Ich begriff sofort: Nicht umsonst wurde ich an diesem Ort geschaffen; in unmittelbarer Nähe dieser auserkorenen Menschin. Wie ein Rehkitz, das gleich nach der Geburt intuitiv wusste, wo die Zitze seiner Mutter ist, spürte auch ich, dass ich mich an diese Jungfrau klammern musste. Sie also sollte ich von jetzt an begleiten und mit ihrer Hilfe vielleicht ein fertiges Wesen werden?! Hübsch war sie allemal und anmutig – aber sichtlich aufgewühlt ebenfalls; womöglich durch den Traum, aus dem sie gerade aufschreckte.

Mit ihrem ersten Augenaufschlag in die rötliche Morgendämmerung starrte sie direkt durch mich hindurch. Und ich schrie auf vor Schmerz, als hätte sie mich aufgespießt. Grobe Teile ihrer Traumsubstanz hafteten noch an ihrem Blickstrahl, der nicht aufhörte, mich zu durchbohren. Ich durchlitt geistige Qualen, spürte ich mit Entsetzen. Tatsächlich, dieses holde Geschöpf hatte mich gerade regelrecht mental entjungfert; noch weit bevor ich begriff, was Menschen so für gefährliche, geistige Waffen mit sich führten. Es fühlte sich furchtbar und brutal an, wie ihr Blick durch all meine Feingeistigkeit wühlte. Willkommen auf Erden!

Dies also war der Vollzug der Symbiose mit einer reinen Menschin?! Wie viel grausamer musste es dann mit einer unreinen Menschin sein – oder gar mit einem Menschen?! In diesem Schicksalsmoment begriff ich: Nur noch der irdische Tod dieser Menschin könnte mich aus jener entwürdigenden Symbiose befreien. Doch sterben durfte sie erst, nachdem wir beide unser Ziel erreicht hatten – welches es auch immer war.

Also ließ ich die Verursacherin meiner Qualen am Leben – ohne ihr jedoch jemals verzeihen zu können. Gleichzeitig wurde mir aber auch klar, dass sie wahrscheinlich nichts dafür konnte. Schließlich wurde sie aus einem sehr heftigen Traum gerissen; geradezu durch jenen markdurchdringenden Vogelschrei, der mich nur einen Moment zuvor geboren hatte, und dessen Echo noch immer in den Klippen widerhallte. Eine Kürze, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte.

Dann lösten sich urplötzlich die rauen Waffen aus der Menschin Traum. Ihr Blick wurde sanft, und mit einem Mal tat es gut, wie sie durch mich hindurchblickte. Sie atmete tief ein und aus. Und als sie die Augen wieder schloss, sog es mich so nah zu ihr heran, dass mir fast schon wieder bange wurde. Ich spürte den Duft ihrer Poren und versank förmlich in ihrer Haut. Ihr Körper erschlaffte. Nun sah ich all die Bilder, die ihre Augen am Vorabend eingefangen hatten, und verstand allmählich, was hier geschah.

Fravila hieß die hübsche Jungfrau, und sie war in dieser Vollmondnacht dazu auserkoren, dem Mondgott Selenguld zu huldigen. Im Geistertraum sollte sie ihm begegnen und gewogen stimmen für muschelreiche Ebben, fischreiche Fluten und ertragreiche Ernten – und ihn um Vergebung bitten für alles, was der Mensch so töten musste, um zu überleben. Dann sah ich die Bilder, wie die Dorfjugend Fravila am Vorabend für diese ehrenvolle Aufgabe vorbereitete:

 

Sie entblößten ihren wohlgeformten Oberkörper und schmückten ihn mit einer Blumengirlande. Auf ihren Kopf setzten sie eine Krone aus Fliederblüten. Ihren kurzen Lendenschurz bemalten die Mädchen mit lauter strahlenden Voll- und Sichelmonden. Alle sangen, scherzten und lachten. Die Jungs posaunten mittels großen Schneckenmuscheln und verkündeten in lang gezogenen, tiefen Tönen dem noch schlummernden Gott, dass die Jungfrau für ihn bereit sei. Und sie sei hübsch und wohlgewachsen, riefen sie über die Brandung hinweg, und vor allem gewillt, ihm im Geiste beizuschlafen – solange er ihre Jungfräulichkeit nicht antasten möge.

Die Mädchen molken einem Tintenfisch die blaue Farbe ab und bemalten damit die leicht aufgeregte Fravila an Beinen und Armen. In einem Kreis von Seesternen musste sie sitzen und den Bauchschlag mit dem großen Zahn des Sägefisches ertragen: Der Gott des mondbeschienenen Nachtmeeres sollte besänftigt werden, auf dass er keine verheerenden Riesenwellen mehr über die Dörfer der Küstenbewohner schicken möge; so wie es zuletzt vor drei Generationen geschehen war, als die Springflut mehr als die Hälfte der Dorfbewohner ins Meer gesogen hatte.

Je eine Krebszange wurde Fravila über die Brustknospen gebunden, mittels dünn geflochtenen Seetangs – ein kleiner lächelnder Mond darüber. Die Mädchen fertigten noch eine Korallenkette und legten sie Fravila um den Hals. Ohrringe aus Perlmutt mit Runenzeichen aus dem fernen Triuwinga sowie ein Stirnband aus türkisfarbener Alge umrahmten ihr Antlitz. Eine Schale mit leicht betörendem Saft machte die Runde. Die jungen Menschen sangen und tanzten fröhlich in den Sonnenuntergang hinein.

 

Bei Einbruch der Dunkelheit drückten sie Fravila den goldenen Selenguld in die Hand: ein Medaillon mit dem geflügelten Mondgott darauf. Dann wurde eine lange Leiter an den hohen Mondfelsen gelehnt, auf der Fravila pochenden Herzens hinaufstieg – mit einem Bündel voller Kräuter, einem Weinkrug, einem Dolch und einem Feuereisen bestückt. An einem Strang zog sie noch drei trockene Reisigbündel nach. Anschließend zogen die Jugendlichen die Leiter weg, riefen Fravila kesse Neckereien zu und begaben sich durch die Dunkelheit hinunter ins Dorf.

Noch eine ganze Weile blickte sie ihnen nach, dann schlug sie mit dem Zündeisen einige Funken in den Zunder und entfachte ein kleines Feuer, welches sie fortwährend mit Reisig nährte. Sie trank einen Schluck betörenden Kirschweins aus dem Krug und stimmte allmählich einen dreitönigen Singsang an, der im sanften Rhythmus mit dem Rauschen der nahen Brandung verschmolz.

Eine laue Brise erhob sich und wehte angenehm über die nächtliche Küste hinweg. Nachtfalter kamen aus der Finsternis und schwirrten um das kleine Feuer. Manch einer von ihnen stürzte sich in die Flammen – dann zischte es, und Fravila fragte sich, wieso diese Flatterviecher so verschwenderisch mit ihrem Leben umgingen. Sie hatten doch nur eines, oder? Opferten sie sich vielleicht freiwillig, um somit ebenfalls Selenguld zu huldigen? Waren diese Nachtfalter etwa einmal Menschen gewesen, in einem früheren Leben? Sehr sündige Menschen sogar? War das nun ihre Sühne, sich in diesem heiligen Feuer in Staub und Asche zu verwandeln?

 

Diese Gedanken der Jungfrau Fravila begleiteten ihre Bilder vom Vorabend. Ich forschte weiter und sah durch ihre Augen, wie am Horizont der Mond aufging.

 

Selenguld nahte und Fravilas Atem ging schneller. Sie streifte den Lendenschurz ab und setzte sich im Schneidersitz ans Feuer. Dann presste sie das Medaillon des geflügelten Gottes an die Brust und starrte auf die aus dem Meer steigende Mondscheibe. Tausende Sterne flimmerten am tiefschwarzen Himmel, als lauerten sie auf das, was jetzt bald hier geschehen würde. Unten im Dorf gingen allmählich die Lichter in den Hütten aus. Dunkelheit legte sich über alles, und der große Ozean war ein tiefer, finsterer Schlund, auf dem sich die Himmelslichter widerspiegelten.

Fravila zog eine Schnur durch das Medaillon und hängte es um den Hals. Dann streute sie betörende Kräuter und Mohnhütchen in die Glut und atmete tief den bunten, wohlduftenden Rauch ein – immer und immer wieder, bis sich ein wohliges Lächeln um ihren Mund zog und ihre Augen erwartungsvoll leuchteten.

Sie nahm das Messer und schnitzte aus einer Alraune den Gott im Mond; genau so, wie sie ihn jetzt erkannte: mit einem winzig kleinen Schniedelwutz. Sie kicherte und stellte ihn gegenüber hin, auf die andere Seite der schlichten Feuerstelle. Dann legte sie sich auf den Rücken, streckte die leicht gespreizten Beine weit aus und bettete ihren Kopf so, dass sie genau in die stetig kräftiger strahlende Mondscheibe schauen konnte. Der Kräuterrauch umhüllte sie fortwährend, und ihr Körper entspannte sich gänzlich. Alle Angst flüchtete in die Nacht hinaus, und keine einzige Sorge plagte mehr ihr Gemüt. Bald schon schickte sie der benebelnde Duft vollkommen ins Land der Träume.

 

Urplötzlich aber waren die Bilder der Nacht vorbei. Ein markdurchdringender Vogelschrei durchschnitt die Stille der Morgendämmerung. Das kam mir sehr bekannt vor: Es war der Urschrei meiner Geburt. Erschrocken schlug Fravila die Augen auf, in denen ich noch Teile ihres Traumes erkennen konnte. Sie starrte grob durch mich hindurch … und quälte erneut meine Feingeistigkeit.

Aber ich wollte unbedingt noch erfahren, was genau sie da geträumt hatte. Irgendwie musste es doch möglich sein, noch tiefer in die verwinkelten Kanäle des menschlichen Hirns einzudringen. Also suchte ich und suchte und suchte … und ward fündig. Ja, gerade liefen noch die Bilder ihres Traumes durch das geistige Labyrinth. Ich verfolgte die Traumfährte zurück und sah schon bald die vollständigen Bilder:

 

Fravila hatte von einem rothaarigen Krieger aus Triuwinga geträumt, der wacker sein Schwert schwang und einem finsteren Gegner den Kopf abschlug. Der rothaarige Krieger preschte weiter und schlug eine gewaltige Blutbresche in die Reihen der Säbelkrieger. Mit und neben ihm kämpfte plötzlich ein zweiter Krieger, der eine goldene Maske trug und in der linken Hand das Banner des Himmelfeuers führte.

Als die beiden Krieger die gesamte Gegnerschar in die Flucht geschlagen hatten, kehrten sie zu Fravila zurück – und der zweite Krieger entblößte sein Gesicht. Fravila erschrak: Sie sah ihr eigenes Antlitz hinter der goldenen Maske. Ein uralter Mann lockte sie vom Schlachtfeld fort und wies ihr den Weg zu einem Gral, vorbei an einem Tempel voller Katzen, zu einem Altar, auf den sich Fravila legte, um am Fuße einer gigantischen Pyramide aufzuwachen. Dort folgte sie einer Totenbahre und weinte bitterlich. Zwei sonderbare Dolche überkreuzten sich und spien feurige Blicke aus glühenden Drachenaugen. Dann regnete es Goldstaub von oben, und die Sonnenstrahlen verwandelten sich in Lichtperlen. Fravila wurde eine von ihnen.

 

Verwirrt löste ich mich aus der Traumfährte und auch aus Fravilas Kopf. Ich staunte nicht wenig. Dann hörte ich erneut den Vogelschrei und ließ nochmals die geistigen Qualen über mich ergehen. Nun lag Fravila erschlafft unter mir, und ich wich vorsichtig von ihr ab. Das Echo des Vogelschreis war gerade erst verklungen, doch schon hatte ich zumindest die Richtung unserer gemeinsamen Reise erfahren. Und nur als Symbiose würden wir dahin finden, Fravila und ich, vereint im und durch das Schicksal.

Inwiefern sie jedoch gewillt war, diese Strapazen auf sich zu nehmen, blieb abzuwarten, denn freiwillig würde sie wohl nie ihren Clan, ihre Freunde und die Heimat verlassen. So tickten nämlich die Menschen, wie ich bereits begriff: Sie brauchten Nestwärme – genau wie die Vögel. Ja, die Vögel.

Eine geraume Zeit noch betrachtete ich, wie die Menschin Fravila vollends wach wurde. Dabei studierte ich ihre gesamte Anatomie: Sie hatte Beine, um der Nahrung nachzugehen; Augen, Nase und Ohren, um die Nahrung ausfindig zu machen und prüfen zu können; Hände und Arme, um die Nahrung zu packen und essgerecht zuzubereiten; Mund und Zähne, um die Nahrung aufzunehmen und zu zerkauen; einen Bauch mit Därmen und Organen, um die Nahrung zu zersetzen und zu verdauen; dann noch eine Öffnung, um die Verdauungsreste auszuscheiden; und noch eine, um sich zu vermehren. Ich folgerte: Bei der Spezies Mensch war alles nur ums Essen gebaut; Nahrung aufzunehmen, zu verwandeln und auszuscheiden, damit letztendlich alles zu Erde und Stein werden sollte. Das galt wohl auch für alle anderen Lebewesen dieses Planeten. Sie fraßen alles, was durch Sonneneinwirkung gedieh, schieden es aus und reproduzierten sich, bevor sie starben, damit das Fressen und Ausscheiden auf Erden ewig anhalte. Was sollte ich dazu sagen? Unter intelligentem Dasein verstand ich etwas anderes.

Aber mir schwante: Nur durch dieses Prozedere konnte ein Schutzschild um etwas aufgebaut werden, was sich wohl im Inneren des Planeten befinden müsste. Dieses ganze irdische Leben da draußen konnte also nur eine zweitrangige Funktion haben – soweit meine damalige Erkenntnis. In Verbindung mit Fravilas Traum reichte es mir aber schon, um nichts Gutes dabei zu ahnen.

Ich merkte, wie Fravila plötzlich aufschnellte. Sie starrte ins Dorf hinunter und erschrak. Jetzt erst, im helleren Licht, erkannte auch ich die vielen Toten zwischen den Hütten. Etwas Furchtbares musste in der letzten Nacht geschehen sein – noch bevor ich hier aufgetaucht war; während der Zeit, als Fravila berauscht war, durch die betörenden Kräuter, die sie für ihr Ritual inhaliert hatte.

Überstürzt zog sich Fravila den Lendenschurz über und seilte sich von der Klippe ab. Aus Leibeskräften rannte sie hinunter ins Dorf. Ich folgte ihr unsichtbar durch die Lüfte. Dort angekommen, bot sich uns ein Bild des Grauens. Sie schrie laut auf, weinte und fiel auf die Knie vor ihren getöteten Eltern. Ich hingegen erkannte nur zerstörtes Leben von Menschen. Und Menschen bedeuten mir gar nichts – außer Fravila.

***

Nach und nach trafen noch fünf weitere Überlebende im zerstörten Dorf ein. Sie berichteten Fravila von brandschatzenden Sarazenen, die hier gemordet und geplündert hätten; angeführt von einem blutrünstigen Herrscher namens Al Mansur. Ihr kleiner Bruder sei verschleppt worden, erfuhr sie – sowie auch alle anderen Jugendlichen, mit denen sie gestern Abend noch so fröhlich gefeiert hatte, da oben, an der heiligen Klippe. Die älteren Dorfbewohner und Kleinkinder seien alle niedergemetzelt worden. Und in den Nachbardörfern hätten die maurischen Sarazenen ebenfalls so grausam gebrandschatzt, getötet und verschleppt, wehklagten sie. Das Volk der Eskudas sei gänzlich aufgerieben worden, erfuhr die reglos kniende Fravila. Irgendwann fiel sie ohnmächtig um.

Nach und nach trafen noch fünf weitere Überlebende im zerstörten Dorf ein. Sie berichteten Fravila von brandschatzenden Sarazenen, die hier gemordet und geplündert hätten; angeführt von einem blutrünstigen Herrscher namens Al Mansur. Ihr kleiner Bruder sei verschleppt worden, erfuhr sie – sowie auch alle anderen Jugendlichen, mit denen sie gestern Abend noch so fröhlich gefeiert hatte, da oben, an der heiligen Klippe. Die älteren Dorfbewohner und Kleinkinder seien alle niedergemetzelt worden. Und in den Nachbardörfern hätten die maurischen Sarazenen ebenfalls so grausam gebrandschatzt, getötet und verschleppt, wehklagten sie. Das Volk der Eskudas sei gänzlich aufgerieben worden, erfuhr die reglos kniende Fravila. Irgendwann fiel sie ohnmächtig um.

 

Und ich sah zu. Gleichzeitig merkte ich, wie die Seelen der Getöteten aus den Körpern stiegen und sich um mich scharrten. Sie konnten mich sehen, woraus ich wiederum folgerte, dass ich irgendwie aus der Welt der Seelen kommen müsste. Sie bestanden aus abertausenden, hell gleißenden Partikeln, die anscheinend kein Lebender wahrnehmen konnte. Als hätten sie nur auf mein Eintreffen gewartet, drangen sie nun geballt in meine feingeistige Materie ein. Urplötzlich erhielt ich so eine überwältigende Fülle von menschlichen Informationen. Sie baten mich, mit ihnen höher zu steigen. Das tat ich auch. Ganz oben in den Lüften spürte ich dann, wie der Magnetismus dieses Planeten sie aus mir spülte und mit sich nach Norden driftete. Seither weiß ich sehr viel über ihre irdischen Sorgen, menschlichen Triebe und Bedürfnisse. Lange noch blickte ich ihnen nach und begriff, dass der Magnetismus sie wohl durch den Nordpol wieder ins Innere des Planeten transportieren würde, zurück zu ihrem Ursprung. Kam ich denn auch von dort her? Alles bekam nun einen Sinn. Ich hatte verstanden.

Als ich wieder hinunter ins zerstörte Dorf schwebte, sah ich Fravila splitternackt und bekümmert am Strand stehen. Ich gesellte mich mitfühlend zu ihr – jetzt, wo ich wusste, was menschliche Trauer bedeutete.

 

»Blau und Rot bis in den Tod«, hauchte Fravila kraftlos. Sie öffnete die beiden Zöpfe und ließ die laue Meeresbrise in ihren langen, goldblonden Haaren spielen. Dann breitete sie ihre Arme aus und warf resigniert den Kopf in den Nacken.

»Waaarum???«, schrie sie verbittert ins weite Meer hinaus. »Waaarum???« Sie hatte doch Selenguld die ganze Nacht über gehuldigt. Und dennoch ließ er es zu, dass ihr ganzes Dorf vernichtet wurde?! Was hatte sie nur falsch gemacht? Heftige Gewissensbisse plagten sie. Sie rang um Fassung.

»Du darfst nicht mit deinem Schicksal hadern!«, befahl sie sich. »Selenguld hat dich am Leben gelassen, sieh es mal so«, redete sie sich ein. »Nicht mit dem Schicksal hadern?! Du hast nichts verkehrt gemacht«, versuchte sie sich selbst zu überzeugen. »Alles hat seinen Sinn, auch wenn dieser Sinn am Ende nur noch Schmerz und Leid ergibt?!«

Fravila atmete einige Male tief durch, dann gelobte sie: »Thursax, du Gott der Winde und des Schicksals! Hier spricht Fravila, die Tochter des Rugulf vom Volke der Eskudas. Ich habe die Botschaft Selengulds sehr wohl vernommen – aber sie gefällt mir gar nicht. Läutere mich also, Thursax, und lass mich mit deinen Winden ziehen, dahin, wo ich wieder zu Selenguld finde, der mir fremd geworden ist. Frei wie ein Vogel sollen mich deine Winde leiten – fort von den Gräbern meiner Ahnen, um den zu finden, der mich rächen wird und der mir letzte Nacht im Traum erschienen ist. Und ich werde ihn finden, in Triuwinga, den letzten großen Krieger, an dessen Seite ich zurückkehren werde, um die Rache zu vollbringen. In dieser roten Abendzeit breche ich jetzt auf zu unseren fernen Brüdern: den letzten freien Terwingen in den blauen Bergen von Andorra. Ja und ich werde wiederkommen, mit dem roten Ritter aus meinem Traum. Ich werde das Land befreien, von Al Mansur und seinen Horden, die unsere Jünglinge versklaven und unsere Mädchen in ihre Harems stecken; diese Unmenschen, die uns den Sinn des Lebens rauben und unsere Würde mit Füßen treten. Hilf mir bei meiner Rache, großer Thursax! Hilf mir, meinen Bruder Hugnas und all die anderen Verschleppten zu befreien! Mögen deine Winde mich allzeit beschützen!«

Fravila drehte sich in die vier Winde und rief vier Mal lautstark in die Ferne hinein: »So gelobt es Fravila, die Tochter des Rugulf vom Stamme der Eskudas!« Sie hob den Dolch aus dem Dünengras und ritzte sich, ohne mit der Wimper zu zucken, beide Unterarme auf. Dann presste sie die blutenden Wunden quer über ihre Brüste und raunte: »Mutter, wo auch immer deine Seele jetzt weilt und was auch immer du geworden bist: Schicke mir Einsicht und Kraft, damit ich dies alles verstehe und weiß, wo’s lang geht!«

Tränen liefen über ihr leidgeprüftes Antlitz. So verharrte sie, bis der Abendtau ihren nackten Körper benetzte.




 
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