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 DER NÄCHSTE, BITTE
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LESEPROBE »DER NÄCHSTE, BITTE ...!«
 

1
Prolog

Ich komme aus einer ganz normalen Vorstadtfamilie. Außer mir und meinen Eltern lebten noch eine psychotische Katze namens Purzel und ein dahergelaufener Straßenköter, der auf den Namen Mausi hörte, in unserer Familie.
Meine Eltern liebten sich auch nach langjähriger Ehe noch heiß und innig. Ob sie noch zügellosen Sex auf dem Küchentisch hatten, weiß ich nicht. Aber sie liefen nach wie vor Hand in Hand durch die Straßen.
Für mich war dies das Wunderbarste, Normalste und Schönste auf der Welt, und genau so wollte ich immer leben.

Ich suchte und fand meine große Liebe nach dem Vorbild meiner Eltern.
Wir heirateten, kauften Haus, Hund und Katze und bekamen eine wunderschöne Tochter – ich hatte ein Leben.

Doch irgendwo auf meinem Weg durch das Leben war mir meine rosarote Brille abhanden gekommen. Vielleicht lag es einfach nur daran, dass mir niemand gesagt hatte, wie oft alles anders kommt, als man es plant.
Meine Eltern hatten eine wunderbare Liebe, die hielt, aber sie vergaßen mir wohl mit auf den Weg zu geben, dass dies auch harte Arbeit voller Kompromisse bedeutete und die meisten Beziehungen irgendwann Schaden nehmen.

Heute war mein Geburtstag.
Geburtstage nahm ich schon immer zum Anlass, um über das vergangene Lebensjahr Bilanz zu ziehen. Und die sah in diesem Jahr gar nicht gut aus.
Mein schönes Vorstadtleben war ein Scherbenhaufen, meine Träume zusammen mit besagter Brille verloren gegangen, und ich hatte immer noch keine Ahnung, wie es weitergehen sollte.
Zum Glück hatte ich meine Mädchen, sprich meine Freundinnen Stella Heus, Eva Meyer und Caroline Krause. Jede von ihnen war etwas Besonderes, und genau wie ich schleppten auch sie ihre Altlasten mit sich herum.

Wir arbeiteten zusammen, waren richtige Tussis, ziemlich zickig, manchmal unausstehlich, aber die besten Freundinnen, wenn es darauf ankam.

Heute feierten wir zwar offiziell meinen Geburtstag, aber so ganz nebenbei zelebrierte Stella ihren Unabhängigkeitstag. Sie war endlich geschieden und in jeder Hinsicht frei. Stella, die Bohnenstange unter uns, weil sie bei einer Größe von 1,75 m keine 50 kg auf die Waage brachte. Sie verkörperte absolut das gängige Schönheitsideal: groß und knabenhaft. Sie sah hübsch aus – wirklich. Ich umarmte sie aber nicht so gern, weil ich stets fürchtete, ihr knochiges Gebilde zu zerbrechen. Doch zerbrechlich wirkte sie nur rein äußerlich. Mental war sie die Stärkste von uns.
In diesem vergangenen Jahr hatte sie sich am meisten verändert – hatte am meisten verloren. Dennoch war sie davon überzeugt, dass nichts im Leben ohne Grund geschieht. Und so hatte sie das Beste aus ihrer Situation gemacht. Doch nicht immer war sie so weise gewesen. Erst dank einer guten Therapeutin ruhte sie jetzt in sich selbst – und therapierte nebenbei jeden, der es sich gefallen ließ: Menschen, Tiere und vor allem mich. Sie war immer mein gefühlstechnischer Abfalleimer.

Den ganzen Nachmittag hatten Stella und ich in der Küche gewerkelt. Kochen galt als mein Fachgebiet. Stella räumte selbstverständlich jeden Krümel hinter mir weg. Ich war stolz auf das, was ich gekocht hatte, aus allerbesten Zutaten wie Lende, Lachs und Kaviar. Dazu gab es selbst gebackene Brötchen und natürlich auch Salat.

Für das schöne Drumherum war Eva zuständig. Niemand würde es wagen, ihre Fingernägel etwa durch Kartoffelschälen oder einen Staubsauger zu gefährden. Auch zum Müllraustragen war sie sich viel zu fein. Aber von Ambiente verstand sie etwas. Aus Stellas Riesengarten hatte sie ein verwunschenes Paradies gezaubert – und das sogar, ohne Rücksicht auf ihre gepflegten Hände zu nehmen. Wir waren alle sehr beeindruckt. Dass dieses Wühlen in der ungepflegten Wildnis um Stellas Villa herum ihre Fingernägel nicht gerade schonte, schien ihr ausnahmsweise nicht viel auszumachen. Sie belohnte sich einfach mit einem Extrabesuch bei ihrer Maniküre.
Auch heute hatte sie Haus und Garten mit ihrem untrüglichen Gespür für Stil festlich geschmückt.

Als Eva sich zu uns gesellte, schon ganz in Partylaune und mit einem Glas in der Hand, beendete ich vorerst meine Grübelei. Denn Eva zog jeden magisch in ihren Bann. Sie war unsere Schönheit. Die blauen Puppenaugen und die dunkle, peppige Kurzhaarfrisur passten perfekt zu ihrem zierlichen Rehkörper.

Von Caroline fehlte noch jede Spur – natürlich. Die würde niemals ihre Zeit mit der Zubereitung von etwas, das Kalorien enthält, vergeuden. Trotzdem war Caroline der Typ Rubensfrau: mit tollen Formen, blonder Mähne und strahlenden blauen Augen. Ich wunderte mich manchmal, dass ihre Erscheinung keine Auffahrunfälle verursachte, denn Caroline konnte sich und ihre Vorzüge wunderbar präsentieren. Alles in ihrem Leben drehte sich um Schönheit und Glückseligkeit. So reale Probleme wie Altern und Krankheit existierten für sie nicht. Sie malte sich ihr glückliches Leben. In der wirklichen Welt lebte sie allein mit zwei Hunden und vier Katzen in einem alten Häuschen, das sie von ihren Eltern geerbt hatte. Sie war nie verheiratet gewesen. Nicht etwa, weil sie keinen Mann abgekriegt hätte, im Gegenteil, sie konnte sich einfach nicht für einen entscheiden. Katholisch, wie sie war, galt die Ehe für sie als heilig. Und so hatte sie diverse mehr oder minder intensive Affären gehabt und irgendwie den Anschluss verpasst.
Männer enttäuschten ihre Vorstellungen von Liebe und Romantik so oft, dass sie es schließlich aufgegeben hatte, mit einem leben zu wollen. Und so bastelte sie sich einfach eine Traumwelt samt Traumprinzen und lebte glücklich mit diesem im alten Häuschen, zusammen mit all ihren Tieren. Von unseren Sorgen hatte sie keine Ahnung. Weil sie sich der Wirklichkeit nur widerwillig und oberflächlich stellte, konfrontierten wir sie auch nicht mit unseren Nöten. Sie war auch so schon kompliziert genug und unberechenbar – aber dennoch eine von uns.

Na bitte, endlich erschien sie. Missbilligend beobachtete sie, wie Stella mit leuchtenden Augen den Pannacottatopf ausschleckte. »Kinder, eine Dame isst nicht, sie sieht sich das Essen nur an.« Dann zählte sie mit strenger Miene die bereits verschlungenen Kalorien auf. So in etwa erfolgten Carolines Moralpredigten immer, was sie aber keinesfalls davon abhielt, sich für die stundenlangen Qualen, die der Arbeitsalltag für sie bedeutete, mit einer Riesentafel ihrer Lieblingsschokolade zu belohnen.

Unser schöner Garten war geschmückt, das Essen aufgetischt. Und selbst Julia, meine wunderschöne kleine Tochter, schaffte es, sich ausnahmsweise mal nicht mit ihrem Handy irgendwo zu verschanzen. Es war ein schöner Tag nach einer sehr langen Durststrecke.

Und doch kam ich nicht drum herum, darüber nachzudenken, wie es nur passieren konnte, dass nun alles anders war …




 
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