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 KANT UND KITTCHEN
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Leseprobe

LESEPROBE
 

1
Freiheit


Wir passieren mehrere Türen. Eckart schließt auf, ich gehe hindurch, Eckart schließt wieder ab.
Das geht so eine Weile, bis wir hindurch sind durch die ganzen Trakte dieser Unterkunft. Schließlich erreichen wir den Pförtner. Ich gebe ihm meine Entlassungspapiere. Er wirft einen kurzen Blick darauf und gibt sie mir dann wortlos zurück.
Ich drehe mich um und gebe Eckart die Hand:
»Mach’s gut, Eckart.«
Eckart ist der Vollzugsbeamte, auf Knacki-Deutsch der Schließer, mit dem ich ganz gut konnte. Er ist ziemlich belesen. Wenn ich ein Buch fertig abgeschrieben hatte und nicht wusste, mit welchem ich weitermachen sollte, war er es, der mir den entscheidenden Tipp gab. Im Laufe meiner Bücher-Abschriften habe ich nämlich erkannt, dass es auch ziemlich viel Schund gibt in der Welt der Literatur.
Bevor ich eingeknastet wurde, hatte ich jedoch keinen Plan von dieser Welt, nicht den geringsten. Da traf es sich gut, dass jemand da war, der einen hatte.
»Du auch, Richie«, sagt Eckart. »Hier, für dich.« Er drückt mir eine kleine schwarze Plastiktüte in die Hand.
Ich greife hinein und hole ein dickes Buch hervor. Die ›Buddenbrooks‹ von Thomas Mann.
»Daran werde ich aber lange schreiben«, sage ich.
Er gibt mir noch einmal die Hand und sagt ernst: »Pass auf dich auf, Richie. Und mach keinen Scheiß.«
Wir schauen uns noch einen Moment fest in die Augen, dann drehe ich mich um. Die letzte Tür summt, und ich trete in die Freiheit.
Nein, ganz bestimmt werde ich keinen Scheiß mehr machen! Die Jahre im Knast haben mir gereicht, um zur Besinnung zu kommen. Vier Jahre habe ich gesessen, vier lange Jahre. Ich wurde damals mit meinem Kumpel Wups in Krefeld bei einem Einbruch erwischt. Wir hatten immer dieselbe Vorgehensweise: In der Ferienzeit hingen wir auf dem Düsseldorfer Flughafen herum. Wups ging mit einem Handy in der Hand durch die vor dem Check-in wartenden Urlauber und tat so, als ob er mit jemandem, also mit mir, quatschen würde. Wenn er sich sicher war, dass eine ganze Familie unterwegs war, schaute er unauffällig auf das Adressschild am Koffer und gab mir per Handy die Adresse durch. Da ich damals nur wie ein Zweitklässler schreiben konnte – mit anderen Worten: fast überhaupt nicht –, stellte ich das Handy auf Lautsprecher und hielt ein Diktiergerät dran, um seine Durchsage aufzunehmen.
Das machten wir dann den ganzen Tag lang so, bis wir einen Haufen Adressen gesammelt hatten. Am Abend fuhren wir dann zu einer Adresse und räumten die erste Bude leer, am nächsten Tag die zweite, dann die dritte und so weiter. Das machten wir jahrelang so. Wir wurden auch ein paar Mal erwischt, doch nie so richtig verknackt, weil wir noch zu jung waren und darum nur nach dem Jugendstrafrecht verurteilt werden konnten.
Bis eben zu dieser einen Aktion in Krefeld. Erst hatten wir Glück, denn wir hatten eine schöne Villa erwischt, mit allerlei ergiebigen Sachen darin. Doch als wir zugange waren und gerade das Silberbesteck einsackten, ging plötzlich das Licht an, und ein Mann erschien mit einem Knüppel in der Rechten. Muss wohl ein Onkel oder ein Schwiegersohn oder so was gewesen sein. Naja, er stellte sich dann vor die von uns eingebrochene Verandatür und meinte:
»So, ihr bleibt jetzt schön hier, bis die Polizei kommt!«
Ich weiß auch nicht, aber dieser Mann muss an irgendeiner Störung gelitten haben, heroische Persönlichkeitsstörung oder so was, denn er war klein und schmächtig und damit ganz und gar nicht der Typ, der sich einem einfach so in den Weg stellt. Besonders dann nicht, wenn man es mit einem Wups zu tun hat, denn Wups ist groß, schwer und richtig stark – ein Mann, der vom Allmächtigen mit unbändiger Kraft und gewaltiger Renitenz auf die Welt gesetzt worden ist.
Wie auch immer, Wups ging also auf ihn zu und schubste ihn mit den Worten »Mensch, mach dich vom Acker!« kurzerhand wie einen Pappkameraden zur Seite. Für den kleinen Mann jedoch war es damit nicht getan. Er mag von geringer Gestalt gewesen sein, aber an Mut – wie gesagt, wie auch immer man es in seinem Falle nennen mochte – fehlte es ihm jedenfalls nicht: Während wir schon die Polizeisirenen hörten, rappelte er sich wieder auf und sprang Wups, gerade als dieser das Haus verlassen wollte, auf den Rücken. Wups packte ihn, als hätte er es mit einem Klammeraffen zu tun, und schmiss ihn in hohem Bogen von sich weg. Wir flüchteten durch den Garten, über die Mauer, denselben Weg, den wir gekommen waren. Beim Hinunterspringen von der Mauer knickte ich jedoch um, brach mir den Knöchel und war damit auf meinem weiteren Fluchtweg schwer gehandicapt. Kurzum: Wups konnte fliehen, mich hat man humpelnd zweihundert Meter weiter aufgegriffen. Naja, ich hab dann vier Jahre bekommen. Vier Jahre, erstens wegen meiner ganzen Vorstrafen; zweitens, weil ich in der Zwischenzeit einundzwanzig geworden und damit aus dem Jugendstrafrecht herausgefallen war; drittens, weil der übermütige kleine Mann so unglücklich auf die Tischkante gefallen war, dass er sich eine tödliche Kopfverletzung zugezogen hatte; und schließlich viertens, weil ich meinen Kumpel Wups nicht verraten wollte. So etwas macht man halt nicht unter uns.
Und jetzt bin ich wieder draußen und stehe vor dem Gefängnistor.
Ich stelle die Reisetasche ab und zünde mir eine Zigarette an. Was nun? Als Erstes will ich Mutter besuchen und dann geht’s zu Wups. Und dann schau’n wir mal …
Aber eins ist sicher: Ich will von nun an ein anständiger Mensch sein. Nicht einmal mehr lügen werde ich!




 
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