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 TWIN-PRYX
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LESEPROBE »TWIN-PRYX, ZWILLINGSBRUT«
 

Aus dem Sinn, ein Licht

Rish-Adun

Anfang des Jahres 1960 wurde in den benachbarten Vereinigten Staaten John F. Kennedy zum Präsidenten gewählt. Susan freute sich, dass endlich die Demokraten an der Macht waren und den rassistischen Republikanern den Zepter aus der Hand genommen hatten. Esther und Charly wiederum erfreuten sich an der Rock’n Roll Welle, auf deren Klänge man so schön wild und ausgelassen tanzen konnte. Wenn Charly sah, wie Esther allein das Tanzbein schwang, konnte er es kaum erwarten, diesen verdammten Gips loszubekommen. Ihr Geburtstagsversprechen hatte sie bereits eingehalten – seither schwebte Charly auf Wolke sieben und wurde begeisterter Betrachter, Streichler und Liebkoser von Esthers Busenwuchs. Eine neugierige, romantische Zeit des Erwachsenwerdens begann für die beiden, die damit endete, dass sie eines Nachmittags splitternackt unter der Decke landeten. Sie streichelten und küssten sich erregt, und wer weiß, was noch geschehen wäre, wenn die gute alte Mary nicht hereingeplatzt wäre. Die Erotik des Moments sackte abrupt in den Keller, und Mary steckte tausend Minuspunkte ein. Die peinliche Unterbrechung löste einen lang andauernden Schock aus, vor allem bei Esther. Es sollte einige Zeit dauern, bis sie darüber hinwegkam.

***

Im Frühjahr, nachdem sein Gipsverband entfernt worden war, streunte Charly ausgelassen durch die Gegend. Viel hatte er nachzuholen – er fühlte sich wie ein berstender Dampfkessel, dem man über viel zu lange Zeit sämtliche Ventile abgedreht hatte. Wie ein geölter Blitz ritt er in die kanadische Prärie hinaus und wieder zurück in die Wälder. Manchmal begleitete ihn Esther, meist aber fand sie es viel zu gewagt, was er mit seinem Pferd unternahm. Sie wartete dann lieber die Zeit ab, bis er seine angestaute Energie endlich verpulvert hatte.

 

Eines Morgens kam er nicht zum Frühstück herunter. Susan und Mary fanden ihn ohnmächtig im Bett liegen und riefen den Arzt. Der ließ ihn sofort ins Krankenhaus einliefern, wo er nach einigen Tagen aus dem tiefen Koma erwachte und in einen Dämmerzustand verfiel. Im Delirium fantasierte er von einer Schießerei in den Bergen. Unruhig und schwitzend warf er den Kopf von einer Seite zur anderen und redete von einer tiefen Schlucht, in die er hinabgefallen sei, weil jemand auf ihn geschossen hätte. Er machte sich Sorgen um seine Mutter und weinte verzweifelt. Dann faselte er unverständliche Sätze in einer fremden Sprache und wiederholte immer wieder die Silben Ha-Na, bis er mit einer Spritze ruhiggestellt wurde.

Nach einer guten Woche war er, zur Verwunderung aller, mit einem Mal komplett genesen – als wäre überhaupt nichts geschehen. Die Ärzte standen vor einem großen Rätsel. Solch einen Fall hatten sie noch nie erlebt, dass jemand ohne irgendeine Verletzung oder andere erkennbare Ursachen ins Koma fiel und genau so wieder herausfand.

Susan glaubte, eine Erklärung gefunden zu haben und sprach sich bei den Ärzten darüber aus. »Er ist ein eineiiger Zwilling. Es soll ja vorkommen, dass in solchen Fällen der eine dem anderen Zwilling, telepathisch und völlig ungewollt, sein Leid übertragen kann und es so mit ihm teilt. Charly wiederholte immer wieder das Wort Ha-Na in der mir unbekannten Sprache, die wie ein Gemisch zwischen Altgermanisch und Saxonisch klingt. Und die Laute Ha-Na sollten eigentlich Hanna bedeuten, nehme ich an – das ist seine verschollene leibliche Mutter. Ich denke nun, dass sie und Charlys Zwillingsbruder sich in großer Gefahr befanden oder noch befinden. Und genau das hat er wohl im Delirium gespürt. Helfen können wir nicht, da wir nicht wissen, wo sich die beiden auf dem eurasischen Kontinent befinden. Zumindest aber wissen wir nun, dass es die beiden noch gibt.«

Die Ärzte hatten aufmerksam zugehört und nickten verstehend. »Vielleicht sollten wir ihn noch weiter befragen«, meinte einer von ihnen, »und ihn mit seinen eigenen Indizien inspirieren, damit wir möglicherweise mehr erfahren.«

»Das wird nichts bringen, Doktor. Mein Vater hat über solche Verhaltensmuster viel geschrieben, doch letztendlich erzeugten die Methoden bei den Patienten ausschließlich seelische Störungen, Komplexe und Selbstisolation. Charly darf kein Wort über das erfahren, was er gesehen hat – es würde ihn nur stark belasten, ohne dass jemanden damit geholfen wäre.«

 

Charly wurde als völlig genesen aus dem Krankenhaus entlassen. Nichts an seinem Verhalten, Denken oder Handeln verriet irgendeine zurückbleibende Störung. Er war derselbe frohe, manchmal zurückhaltende und gelegentlich ausgelassene Jugendliche wie immer. Lediglich seine Träume änderten sich, wurden viel verschlüsselter als früher, fiel ihm auf, und manchmal erwachte er schweißgebadet aus dem Schlaf und konnte sich an überhaupt keinen Traum mehr erinnern.

Ansonsten erschienen ihm immer wieder sein Spiegelbild und die schwarzhaarige Frau sowie der Mann mit den schlohweißen Haaren. Mal schwebten sie durch die Nebel oder wohnten in einem Baum, ein andermal sah er sie an einer Quelle dahinreiten – und immer wieder erkannte er den großen weißen Felsen auf dem grünen Berg, inmitten der hohen, geheimnisvollen Gebirgsketten.

 

In diesem Frühsommer kaufte sich Charly von seinem ersparten Geld eines dieser wunderbaren, batteriebetriebenen, kleinen Kofferradios – die noch frische Erfindung des Transistors hatte es möglich gemacht. Damit zog er nun, zusammen mit Esther, zu ihren geheimen Plätzen in den Wäldern, um die Welt zu vergessen und den modernen Musikklängen zu frönen – Soul, Blues und Rock’n Roll. Besonders mochten sie den jungen Elvis Presley und die frisch gebackenen Beatles aus England. So tanzten sie ihre neuen, vergötterten Rhythmen gleich Geistertänzern in den Lichtungen, an den Quellen und Seen rund um Battleford.

Seitdem Mary die beiden aus den Federn gescheucht hatte, gab es keine neuen Kuschelversuche mehr zwischen ihnen. Umso mehr aber suchten sie die klaren Waldseen auf, wo sie nackt schwimmen konnten und auch gegenseitig optische Studien an ihren pubertierenden Körpern durchführten. Einer zauberhaften Wassernymphe glich Esther, fand Charly, wenn er die reizenden Rundungen ihres Körpers betrachtete und zugleich entdeckte, dass ihre Schamhaare genauso rötlich-orange waren wie ihre Kopfhaare.

 

Eines Sonntags ritten sie besonders weit hinaus, an äsenden Wapitihirschen und Rehen vorbei, entlang einer der Grenzen zum Reservat der Assiniboin. Hier gab es einen wunderschönen See mit Wasserfall und kleinen Inseln. Und weil der Pfad zu diesem See wegen einiger zu überwindenden Schluchten auch ziemlich gefährlich war, wussten sie, dass sie hier verschont von Jägern, Anglern und Rangern sein würden. Sie ließen die abgesattelten Pferde frei laufen, zogen sich aus und sonnten sich friedlich. Irgendwann schwammen und tanzten sie, alberten herum oder versuchten, die Texte der Hits aus dem Kofferradio nachzusingen, ohne zu merken, wie schnell die Zeit verging.

»Eines Tages werde ich heiraten, Charles Edmont Sahigal«, verkündete Esther spitzbübisch und stellte sich nackt vor ihn hin. »Aber nicht dich werde ich heiraten, sondern einen anderen, das weiß ich.«

Charly wusste nicht, was er damit nun anfangen sollte. Heiraten wollte er sowieso nie. Er wollte so frei sein wie Susan. »Dich hätte ich sowieso nie geheiratet, nicht um alles Gold dieser Welt«, antwortete er.

»Das sagst du nur so. Ich sehe doch, wie deine Augen hervorquellen, wenn ich so nackt vor dir stehe, und wie dein kleiner Freund …«

Weiter kam sie nicht. Eine wilde Verfolgungsjagd am See begann und endete damit, dass er sie endlich packte, zu Boden warf und siegreich auf ihr lag. Daraufhin sagte sie: »Aber vögeln möchte ich dich schon irgendwann!« Laut lachend wälzten sie am Ufer entlang, bis sie an etwas stießen, was vorhin noch nicht da war.

Verwundert starrten sie zuerst auf die Mokassins, dann die fransigen und bunt bestickten Lederleggins hinauf, weiter über die ebenso bearbeitete Weste und schließlich in das anmutige Antlitz der jungen Indianerin. Erschrocken sprang Charly auf und versuchte krampfhaft seine Scham mit den Händen zu verdecken, während Esther ganz gelassen weiter im Sand liegen blieb. Sie stützte ihren Kopf auf und sagte nur: »Hallo, Rish-Adun

Charly haute es fast von den Beinen. Das also war die geheimnisvolle Indianerin, die ihm seit dem wilden Ritt durchs Tal nicht mehr aus dem Kopf ging – die Witwe von Esthers Bruder sozusagen, die mit dem tödlichen Ritual auf jener Lichtung des Totemwächters der Assiniboin. Plötzlich blickte sie ihm in die Augen. Charly spürte, wie seine Knie weich wurden – er kam sich klein und unfähig vor. Etwas sonderbar Dominierendes strahlte aus den Mandelaugen der Rish-Adun, und ein Hauch von Zauber lag mit einem Mal über allem. Ein lauer Wind spielte in ihren langen Haaren, als sie jetzt noch näher an ihn herantrat, sodass er ihren Duft einatmen konnte – er schnupperte darin die Freiheit und die Wildnis, den frischen Quell, den Wind und die Blumen. Irgendwie hatte er den Eindruck, dass es noch einen Charly neben ihm gäbe, dessen Halskette sie jetzt betastete, dann neigte sie den Kopf etwas zur Seite und betrachtete das Armband.

»Wer ist er, Esther?«, hörte Charly die Silberstimme vom anderen Stern auf Englisch fragen.

»Er ist mein Freund, Rish. Sein Name ist Charly, und wenn du ihm noch weiterhin Angst einjagst, läuft er uns womöglich davon.«

»Und so etwas will dein Freund sein?«, fragte Rish-Adun mitalbernd, »der vor einer harmlosen Indianerin davonlaufen will?«

»Dieser junge Mann hat mein Leben gerettet, Rish«, verteidigte ihn Esther. »Er ist keineswegs feige, doch vielleicht habe ich ihm zu viel Unheimliches von dir erzählt – darum steht er jetzt so rum und starrt dich blöd an.« Esther stellte sich neben Charly, legte den Arm um seine Schultern und sagte zu Rish: »Betrachte uns nur so nackt, wie Mami uns geschaffen hat – sind wir nicht ein wunderbares Paar?«

Rish-Adun winkte ab. »Frag deinen Freund lieber, woher er diese Kette und das Armband hat.«

»Frag ihn doch selber!« Esther begann sich anzuziehen. Mit einem auffordernden Blick wartete Rish-Adun auf Charlys Antwort.

»Die … die habe ich von meiner Mutter«, stammelte er und versuchte gleichfalls seine Kleider zu erreichen. »Also nicht von … meiner Mutter … sondern von … meiner Mutter«, sprach er stockend weiter. Als er merkte, dass Rish-Adun überhaupt nichts verstand, erklärte er: »Denn meine Mutter … ist eigentlich nicht … meine Mutter … Meine Mutter ist nämlich …« Aus dem Kofferradio erklang der Refrain von ›Foolish like a Fool‹.

»Alles klar«, sagte Rish-Adun etwas enttäuscht und wandte sich zu Esther. »Eure Pferde sind vorhin von einem Puma aufgescheucht worden und durchgegangen, ihr Paradiesvögel. Darum bin ich hier. Sie haben sich in einer der Schluchten da hinten verfangen. Außerdem finde ich es sehr intelligent von euch, zwar mit Waffen in die Wildnis zu reiten, diese aber ewig weit entfernt von euch im Sand liegen zu lassen.«

 

Nachdem sie mit vereinten Kräften die beiden Pferde aus der Schlucht befreit hatten, betrachtete Rish-Adun nochmals Charlys Kette und schaute ihm erneut fragend in die Augen. »In deinen Adern fließt das Blut meines Volkes«, sagte sie nachdenklich. »Also, von wem hast du diese Kette?«

Inzwischen hatte er sich gefasst und ärgerte sich insgeheim über sein tölpelhaftes Getue. »Wieso willst du das wissen?«, fragte er nicht unfreundlich und gestand sich ein, dass er bald wie Eis in der Sonne schmelzen würde, wenn sie ihn noch lange so anschauen würde – diese Mädchen-Frau hatte es ihm gewaltig angetan. Rish-Adun musterte ihn noch eine Weile. Ohne ihm zu antworten, stieg sie in den Sattel ihres Falben und wollte schon wegreiten.

»Wann besuchst du uns wieder einmal, Rish?«, fragte Esther.

»Du weißt doch, dass das nicht geht, Kleines.«

»Mein Vater ist voriges Jahr gestorben, jetzt kannst du wieder nach Battleford kommen.«

Es war ihr anzusehen, dass sie diese Nachricht etwas überraschte. Doch obwohl ihr dieser Mann sehr viel Schlimmes angetan hatte, war keine Miene der Genugtuung in ihrem Antlitz zu erkennen. »Es kommt alles so, wie es kommen soll!«, war alles, was sie dazu sagte. Dann ritt sie los.

»Wann und wo sehen wir uns wieder, Rish-Adun?«, rief ihr Esther nach.

»Ich werde euch finden, wenn es sein muss«, kam die Antwort.

***

Einige Tage später, so gegen Mitternacht, wurde Charly von Fensterklirren aus dem Schlaf geweckt. Er lauschte und hörte gleich darauf, wie kleine Steinchen an sein Fenster geworfen wurden. Als er öffnete, erkannte er Esther und Rish-Adun unten auf der Terrasse. Eine Minute später war er bei ihnen, und sie gingen vom Haus weg in einen der Schuppen, zum Pferd der Indianerin.

»Wo brennt’s?«, fragte er verschlafen und konnte noch immer nicht glauben, dass die geheimnisvolle Rish-Adun auf seinem Hof stand. Er rieb sich die Augen und starrte andauernd zu ihr, als müsse er sich nun entscheiden, ob sie wirklich vor ihm stand, oder ob es wieder nur einer dieser wehmütigen Träume war.

»Ri-Ta-Na, unser alter Medizinmann, will dich sehen«, sagte Rish-Adun. »Deswegen bin ich jetzt hier.«

Verdattert wanderte sein Blick von einer zur andern und blieb fragend an Esther hängen. Doch die zuckte nur mit den Schultern. »Und deswegen kommt ihr mitten in der Nacht hierher?«, wollte er wissen und konnte sich nicht vorstellen, dass sein Erscheinen beim Medizinmann so wichtig sein sollte.

»Ich will in Battleford nicht gesehen werden, deswegen der nächtliche Ritt«, antwortete Rish-Adun. »Was ist nun? Wirst du zu ihm kommen oder nicht?«

Erneut blickte Charly fragend zu Esther, doch die hielt sich raus. »Was will er denn von mir?«, fragte er.

»Sagte ich doch – er will dich sehen.«

»Einfach so?«

»Nicht einfach so. Ich habe ihm von deiner Halskette erzählt.«

»Was ist denn mit der Halskette?«

»Eben das will er herausfinden.«

»Vergiss es! Ich bin doch kein Forschungs- oder Anschauungsobjekt.«

»Er glaubt, dir helfen zu können.«

»Mir? Wobei denn?«

»Du willst doch auch wissen, woher du wirklich abstammst, sagte mir Esther auf dem Weg hierher.«

Charly überlegte eine Weile. »Weißt du, eigentlich bin ich sehr glücklich mit dem, was ich über mich weiß. Mir geht es gut bei Susan, und ich liebe sie, als wäre sie meine leibliche Mutter. Mehr Mutter brauche ich nicht!«

Rish-Adun blickte ihm nochmals tief in die Augen. »Vielleicht braucht aber deine leibliche Mutter dich!?«, sagte sie, stieg in den Sattel und ritt ohne ein weiteres Wort davon.

 

Von dem Tag an zeigte sich Rish-Adun nicht mehr. Weder im Wald noch in der Prärie begegneten sie ihr. Esther meinte, sie würde nach wie vor überall umherreiten, doch wollte sie wahrscheinlich nicht von ihnen gesehen werden. Charly bereute es inzwischen, so abweisend gewesen zu sein und fragte Esther, ob es denn möglich wäre, die Reservation zu besuchen. Nur mit Besucherausweis für Angehörige oder mit einer amtlichen Befugnis könne man das, belehrte sie ihn. Susan habe einen solchen Ausweis, meinte Charly, doch wollte er sie nicht dazu drängen – schließlich würde es dann so aussehen, als wolle er um jeden Preis zu seiner leiblichen Mutter und weg von Susan.

***

Es verging nicht nur der Sommer, sondern auch der Herbst und Winter. Rish-Adun, die Charly nicht mehr aus dem Kopf und aus den Träumen ging, blieb wie vom Erdboden verschluckt. Mit Esther sprach er oft von ihr und gestand ihr so etwas wie eine geteilte Liebe – zur Hälfte liebe er sie, Esther, und zur anderen Rish-Adun, obwohl sie fast vier Jahre älter war als er und sich keinen Pfifferling um ihn scherte.

»Dein Verstand liebt mich«, deutete Esther, »und dein Herz liebt Rish

In den nächsten drei Jahren wurden Esther und Charly ein richtiges Paar. Sie liebten einander, schliefen miteinander und stritten so herrlich miteinander, dass es immer wieder schön war, sich erneut zu vertragen. Es war eine bunte und bewegte Zeit auf Triple Star, in welcher seine Gedanken und Gefühle an Rish-Adun allmählich verblassten – nur in seinen Träumen erschien sie ihm ab und zu. Meist war es die ältere Frau aus seinen Kindheitsträumen, die immer wieder versuchte, mit Rish-Adun an der Hand, an ihn heranzutreten. Sobald sie aber auf Schrittnähe waren, lösten sie sich in nichts auf. Auch träumte er von seinem Zwillingsbruder, der mit ihm in die Höhe wuchs und immer wieder dieselbe Kette, wie er sie trug, vor einem Spiegel hin und her pendelte.

In diesen Jahren feierten die Russen ihren ersten Menschen im Weltall – Juri Gagarin. Die Kubakrise und somit auch der Kalte Krieg erreichten ihren Höhepunkt – sowjetische Langstreckenraketen wurden vor der Haustür Amerikas in Position gebracht. Der Präsident John F. Kennedy wurde in Dallas erschossen, in Glasgow fand der größte Bahnraub aller Zeiten statt, und die Beatles eroberten alle Charts der Welt. Elvis betörte die Frauenwelt, während Cassius Clay Boxweltmeister im Schwergewicht wurde. Die ganze Welt veränderte sich.

Auch an Charly veränderte sich so manches: Nach dem Stimmbruch fand er plötzlich Gefallen an sportlichen Turnieren. Wann immer er nach dem Lernen Zeit hatte, trainierte er das Bogenschießen, Hindernisreiten, Dauerlauf und den Kampfsport. So manch einen Pokal gewann er auf den County-Turnieren. Im Bogenschießen verdiente er sich sogar die Silbermedaille auf Landesebene. Aufrecht wie eine Tanne war er in den Himmel geschossen, kräftig wie ein Bär geworden und schön wie Adonis – so zumindest stufte ihn die gute Mary ein und versuchte, ihn mit seinen siebzehn Jahren noch zu bemuttern wie in Kindestagen.

»Spar dir die Kräfte, Mary«, alberte Susan. »Denn es wird nicht mehr lange dauern, dann bringt er dir Nachwuchs ins Haus, und du kannst wieder Mami spielen.«

Susan war in diesen Jahren viele Male in Europa gewesen, wo sie Vorträge über indianische Kultur hielt und zum ersten Mal Benennungen wie ›Native People of America‹ oder ›Americas First Nation‹ in die Welt setzte. Während ihres Aufenthaltes in Europa vergaß sie jedoch kein einziges Mal, auch nach Charlys leiblichen Eltern zu forschen. Doch die gesamte Gebirgskette der Karpaten, wo sie eigentlich hätte suchen müssen, erstreckte sich über fünf große Länder hinter dem Eisernen Vorhang der Kommunisten. Ihre Gesuche, diese Länder bereisen zu dürfen, wurden von jedem einzelnen Land abgelehnt – Schnüffler, getarnt als ethnologische Forscher, die ihre Nase überallhin stecken wollten, waren in der Welt des roten Sterns überhaupt nicht willkommen.

Esther war eine reizende, überaus emanzipierte und sehr freidenkende Frau geworden. Sie hatte sich in der Flower-Power-Generation fest etabliert, trug lange, ultrabunte Kleider und T‑Shirts, auf denen ›make love, not war‹ stand, und sie rauchte einen Joint nach dem anderen. Irgendwann, nachdem ihr die Mutter einen Kleinbus gekauft hatte und Esther diesen eigenhändig bemalt hatte, sodass ganz Battleford ins Staunen geriet, kam sie für eine letzte Nacht zu ihm und sagte: »Charly, du bist die Liebe meines Lebens. Aber ich sagte es dir ja schon immer, ich werde einen anderen heiraten – er wartet auf mich in Toronto. Er ist genau wie ich ein Blumenkind – wir wollen irgendwohin nach Florida ziehen, vielleicht nach Miami, wo man zu keiner Jahreszeit irgendwas zum Anziehen braucht, und wo die Bananen einem nur so in den Mund wachsen. Darum schmeiße ich mein Examen und lasse mich auf den Flügeln der lila Schmetterlinge in die Unendlichkeit tragen. Leb wohl, mein einziger wahrer Freund auf dieser Welt.« Sie reichte ihm noch ein bunt geflochtenes, neues Haarband, küsste ihn auf die Stirn, zog sich an und verschwand.

Das war letzten Winter gewesen. Zwei Briefe, gleich am Anfang, waren seither ins Haus geflattert, dann verlor sich ihre Fährte – nicht einmal ihre Mutter wusste noch über sie zu berichten.

Je einsamer sich Charly fühlte, umso mehr tauchte Rish-Adun wieder in seinen Gefühlen und Gedanken auf. Tausend Fragen rankten sich um sie, und so etwas wie eine Sehnsucht, die bald gestillt werden müsse, wühlte tief in seinen Hormonen. Schon während der Schneeschmelze stapfte er auf den Schneeschuhen bis zu der noch verschneiten Lichtung mit dem Totemwächter. Doch außer Tierspuren entdeckte er dort nichts, was auf sie hindeutete. Vielleicht kam sie ja nur zu den warmen Vollmondnächten hierher, um Blumen zu bringen – na klar, wo sollte sie auch im Winter Blumen pflücken, tröstete er sich und merkte nicht, dass er inzwischen von einem Rudel Wölfe umzingelt war.

Sonderbarerweise überkam ihn diesmal keine Furcht wie damals bei jener Grizzly-Attacke, obwohl seine jetzige Lage, ohne seinen schwarzweißen Appaloosa, noch viel gefährlicher war. Ruhig holte er seinen Sharp-Repetierer von der Schulter, entsicherte ihn, spannte den Hahn und zielte einem der grauen, zähnefletschenden Biester genau zwischen die Augen. Plötzlich wurde ihm klar, dass er in diesem Augenblick Herr über Leben und Tod dieses Wolfes war. Ein winziges Zucken seines Zeigefingers, und der große Wolf wäre niedergestreckt. Dasselbe schien auch der Wolf zu ahnen und hielt in seinem Nach-vorne-Pirschen inne – die anderen folgten seinem Beispiel. Anscheinend war es das Leittier der ganzen Meute.

Charly fragte sich, woher plötzlich diese lässige Tollkühnheit über ihn kam, als er das Gewehr herunterließ und dem Wolf entschlossen in die Augen blickte. Dessen Zähnefletschen wandelte sich plötzlich in ein leises Knurren und dann in eine Art ergebenes Winseln. Stechend grüne Augen hatte dieser Wolf, fiel Charly auf, und als der sich etwas seitlich abwandte, erkannte er, dass es eine Wölfin war. Schließlich zog sich das ganze Rudel zurück.

Erst auf dem Rückweg wurde ihm so richtig bewusst, welchem fast sicheren Tod er entgangen war. Über zwanzig Wölfe hatten ihn aufgelauert, todesmutig und hungrig nach dem harten Winter. Vielleicht wäre es ihm möglich gewesen, drei oder vier zu erlegen – aber niemals alle.

 

Eines Abends, im Frühling dieses Jahres 1963, erzählte er Susan von der nun schon mehr als drei Jahre zurückliegenden Begegnung mit Rish-Adun – damals, als sie mit Esther mitten in der Nacht auf Triple Star erschienen war. Er erzählte von ihrer Aufforderung, sie zu einem Medizinmann in die Reservation der Assiniboin zu begleiten. Er beichtete seine Reue über sein Benehmen und gestand ihr auch, dass er Rish-Adun gerne wiedersehen würde, und ob es nicht möglich wäre, dass sie ihn mit ihrem Forscherausweis dahin begleite.

Susan betrachtete ihn eine Weile. Eigentlich sollte er, wenn er dieses Mädchen oder besser diese junge Frau unbedingt wiedersehen wollte, auf Schleichwegen selbst zu den Indianern pirschen, koste es, was es wolle, wünschte sich Susan. Wahrscheinlich aber zeigte sich jetzt einmal mehr, dass er ohne Vater aufgewachsen war und wohl zu viel Anstand besaß. Da Susan aber selbst an dieser fast geisterhaften Erscheinung wie auch an dem ihr sonderbarerweise noch unbekannten Medizinmann interessiert war, stimmte sie guter Dinge zu – galt es doch, etwas Berufliches mit etwas Nützlichem zu verbinden.

Am nächsten Tag schon tankte Charly seinen Dodge auf, als müssten sie bis ans Ende der Welt fahren und nicht etwa ins nahe gelegene Indianerreservat. Groß und unverkennbar war das Schild über der Einfahrt – ›Mosquito Grizzly Bear’s Head‹ stand darauf und noch größer ›No Trespassing!‹. Charly hielt bei den uniformierten weißen Rangern an, und Susan legte ihren Ausweis vor. Wegen Charlys Besuchermarke mussten sie jedoch noch in das Verwaltungsgebäude gehen, was ihr gerade recht kam.

»Eine Rish-Adun führen wir hier nicht, Mrs. Sahigal«, sagte der weiße Indianeragent, nachdem er sein Register durchstöbert hatte.

»Mein Sohn hat aber diese Indianerin gesehen und mit ihr gesprochen – andere Leute aus Battleford auch!«, wandte Su-san ein.

»Madam, hier in diesem schlauen Buch ist jeder und jede Assiniboin eingetragen. Es gibt keine Rish-Adun bei uns.«

»Vielleicht ist sie gar keine Assiniboin, sondern eine Cree oder Crow zum Beispiel oder eine Blackfoot

»Unmöglich! Alle Crows und Crees, die es hier noch gab, wurden vor etlichen Jahren nach Montana, in das Reservat von Fort Peck umgesiedelt. Und Blackfoots hat es hier nie gegeben – genauso wenig wie auch andere Stämme. Doch wenn Sie wollen, können Sie ruhig hineinfahren, schließlich haben Sie ja eine Dauergenehmigung dafür, und Ihren Sohn tragen wir mit ein. Binnen fünf Tagen, nachdem Sie alle Dörfer abgefahren haben, werden Sie mir dann schließlich recht geben, Madam.«

Charly erinnerte sich an den Namen des Medizinmannes, den Rish-Adun genannt hatte. »Sir, versuchen Sie mal den Namen, äh … Ra-Ti-Na, oder so ähnlich, zu finden«, schlug er vor.

Der Agent zog ein breites Lächeln übers Gesicht. »Ri-Ta-Na heißt es richtig. Das Suchen nach ihm kann ich mir in diesem Buch jedoch ersparen, junger Mann. Ri-Ta-Na ist nämlich ein Gespenst, ein Geist, der nur noch in den Köpfen einiger weniger Indianer spukt. Ihn gibt es nicht wirklich – und dein Mädchen wahrscheinlich auch nicht.«

Susan bohrte nach. »Ist Ihnen etwa der Selbstmordfall an der Reservationsgrenze nicht bekannt? Damals, vor etwa acht Jahren, als die beiden Verliebten sich das Leben nehmen wollten. Rish-Adun war das Mädchen.«

Der Agent schüttelte den Kopf. »Ja, da soll mal was gewesen sein – aber das Mädchen hieß nicht Rish-Adun, soviel ich weiß.«

»Wie dann?«

»Das ist mir entfallen. Fahren Sie doch in die Reservation hinein und befragen Sie dort die Indianer weiter. Da wird man Ihnen schon sagen, wie das Mädchen hieß. Oder schauen Sie mal beim Chef-Constable in Battleford vorbei – der müsste es wissen.«

Susan schüttelte den Kopf. »Es müssen doch noch irgendwelche Eintragungen über diesen Vorfall, irgendwo in Ihrem Archiv, auffindbar sein.«

»Das ist es ja eben«, seufzte der Agent. »Hier war bis vor kurzem so ziemlich alles drunter und drüber gegangen, ein Brand kam noch hinzu, sodass zu allem Übel auch das gesamte Archiv vernichtet wurde.«

Susan und Charly wechselten einen skeptischen Blick. »Sind Sie schon lange Agent in Grizzly Bear’s Head?«, wollte sie wissen. »Denn vor einigen Jahren, als ich zuletzt hier war, habe ich Sie nicht gesehen.«

»Richtig, damals war ich Indianeragent in Carry the Cattle. Erst vor einem Jahr bin ich hierher versetzt worden. Doch auch in Carry gab es keine Rish-Adun und einen Ri-Ta-Na, wie ich schon sagte, auch nur als Geisterspuk in ihren Erzählungen.«

»Gibt es denn noch ältere Agenten unter ihnen?«

»Ältere schon. Ganze elf Mann unterstehen mir, aber keiner ist länger hier als ich. Wir kamen alle am selben Tag hierher, aus mehreren Reservaten, und lösten die gesamte Mannschaft hier ab.«

»Weswegen denn?«

»Darüber kann ich nicht sprechen, Madam – bitte haben Sie Verständnis dafür. Ich kann Ihnen nur sagen, dass diese Sache auch etwas mit dem Brand zu tun hatte.« Der Agent erhob sich, zum Zeichen, dass er nichts Weiteres mehr sagen wollte. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Grizzly Bear’s Head! Übrigens: Seit kurzem haben wir ein anständiges Hotel hier eröffnet – für Besucher mit Ausweis.«

...




 
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