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 TWIN-PRYX
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LESEPROBE
 

Leseprobe aus »Twin-Pryx, Zwillingsbrut« (Teil 2)

Kapitel »Aus dem Sinn, ein Licht« (Seiten 262 bis 275)

 

Auf Schleichwegen umritt Rish-Adun die einzelnen Dörfer, überquerte zügig die wenigen Straßen und galoppierte wie der Wind über die ungeschützten freien Flächen. Charly folgte ihr auf Schritt und Tritt, und sie ließen allmählich die trostlose Reservation hinter sich. Ohne Ruhepausen ritten sie bis zum Mittag immer tiefer und höher in die Wildnis hinein, bis Charly den Eindruck hatte, dass hier niemals ein Mensch vor ihnen da gewesen sein könnte – alles sah vollkommen urig und unberührt aus. An einem der vielen Seen, an dem gerade ein Rudel Wapitis ihren Durst stillte, machten sie für eine kurze Zeit Rast, tränkten die Pferde und ließen sie frei grasen.

»Du bist sauer auf mich, stimmt’s?«, waren die ersten Worte Charlys an diesem Tag.

»Du hast Ri-Ta-Na drei Jahre auf dich warten lassen«, antwortete sie und ließ dabei ihren Blick über die ruhige Berglandschaft schweifen. »In meinen Augen bist du daher ein Feigling und ein verzogener kleiner Junge. Erwarte also keine Sympathie von mir.«

Charly hatte verstanden. Es war dasselbe Spielchen wie immer, so wie schon auf dem College. Zuerst wurde er ausgelacht wegen seiner sanften Art, die eher dem Getue eines Mädchens glich. Dann musste er sich ganz besonders anstrengen, um endlich als normaler Kerl akzeptiert zu werden – und erst wenn er seine Boxkämpfe und Turniere sogar männlicher und bravouröser als andere bestritt, fielen die Vorurteile gegen ihn. Er war eben kein Aufschneider, genauso wenig wie ein Stubenhocker oder Mamibübchen – doch das musste anscheinend ein jeder erst selbst herausfinden. Diesmal war es Rish-Adun, und allmählich hatte er es leid, sich immer und überall erneut beweisen zu müssen, lediglich aufgrund der Tatsache, dass er bei zwei Frauen aufgewachsen war und niemals einen Vater zum Vorbild hatte. Er blickte Rish-Adun von der Seite an und überlegte, ob er sie nicht doch falsch eingeschätzt hatte, jetzt, wo sie ihn mit denselben stümperhaften Vorurteilen behandelte. Ihr tief gehender Zauber, der seit Jahren schon seine Träume verhexte, begann zu bröckeln. Er musterte sie stumm und fand jetzt, dass sie ein Herz aus Stein hatte, und ihre Augen glichen einem zugefrorenen See.

In diesem Augenblick wusste Charly, dass er einem Gespenst nachgejagt war. Eine solche Frau konnte man nicht besitzen, nicht an sich binden und auch nicht auf Dauer ertragen – geschweige denn lieben. Esthers Bruder war ihr bereits erlegen – er wollte nicht der Nächste sein. Es leuchtete ihm nicht mehr ein, wieso er jetzt, nach dieser Erkenntnis, überhaupt noch mit ihr weiterreiten sollte. Allein des Medizinmannes wegen? Nein! Er, Charly, wollte mittlerweile gar nicht mehr wissen, wer eigentlich seine leiblichen Eltern waren – auch die Neugierde nach seinem potenziellen Zwillingsbruder war abgeebbt. Aber er wollte nun wissen, wohin dieser geheimnisvolle Ritt überhaupt führte. Susan hatte recht – hier in diesen Bergen tat sich etwas Großes und Geheimnisvolles. Und genau dieses Etwas wollte er jetzt kennen lernen.

Bis zum Abend ritten sie auf Wildwechseln weiter ins Reich der unberührten Wildnis hinein. Charly ergötzte sich an der Vielfalt der Tiere, von denen es hier nur so zu wimmeln schien. Er sah Braun- und Schwarzbären vergnüglich in den Wildbeerbüschen schmatzen, ein Puma-Pärchen, das ihrem Wurf gerade das Zerbeißen eines Waldhasen beibrachte. Füchse, Dachse, Waschbären, Elche und Karibus begegneten ihnen auf Schritt und Tritt, als wären sie im Tierparadies. Ab und zu war sogar das tiefe Grollen eines Grizzlys zu hören – dann verzogen sich die anderen Tiere blitzartig in alle Himmelsrichtungen.

Drei Rangers ritten auf sie zu. Erst als sie nahe genug waren, um Rish-Adun zu erkennen, nahmen sie ihre Hände von den Revolvergriffen. Es gab ein kurzes Palaver, dann wurde Charly von allen Seiten fotografiert, seine Fingerabdrücke wurden ihm abgenommen und seine Stimme auf einem Tonband festgehalten. Nachdem die Rangers sich wieder entfernt hatten, fragte Charly Rish-Adun im Weiterreiten nach dem Sinn dieser Kontrolle, hier, mitten im Reservat.

»Das ist nicht mehr das Reservat«, belehrte sie ihn. »Das, was du jetzt bald betreten wirst, ist das meistgehütete Projekt Kanadas überhaupt. Kein Unbefugter kann jemals dieses geschützte Areal betreten oder verlassen. Allein Ri-Ta-Na, ich und ein Dutzend andere dürfen das schon seit jeher – unserer Abstammung und vor allem unserer Berufung wegen. Es gibt nur drei Pässe, die in das verborgene Land führen, und ich rate dir, diese Pässe niemals ohne Genehmigung zu betreten. Und an anderen Stellen solltest du es schon gar nicht versuchen, denn dort wird dann nicht mehr gefragt, sondern sofort geschossen.«

Kurz darauf hielten sie vor einer Felsengrotte, sattelten ab und richteten ihre Schlafstellen weit voneinander entfernt zurecht. Diesmal gab es überhaupt keine Konversation. Charly gab sich sogar große Mühe, Rish-Adun zu zeigen, dass er für sie genauso wenig übrig hatte, wie sie für ihn. Sie nahm es gelassen.

 

Am nächsten Morgen holte Rish-Adun aus der hintersten Ecke der Grotte eine Holzkiste hervor. Charly staunte nicht schlecht über den Inhalt. Es war die kunstvoll verzierte Kleidung eines Präriekriegers, die Rish-Adun herausnahm – noch genauer, die Reit- und Jagdkluft der Crows, nigelnagelneu, aus feinstem, ockergetönten Rehleder, mit blauroten Motiven und edlen Fransen. Dazu gehörten noch Mokassins, ein Haarband, das Jagdmesser, Tomahawk, ein Bogen und ein Köcher voller Pfeile.

»Zieh das an und lege all deine anderen Sachen hinein – auch deinen Colt und das Repetiergewehr. Auf dem Rückweg tauschst du dann wieder Kleidung und Ausrüstung.«

Charly gehorchte kommentarlos und gab gar kein schlechtes Bild ab, nachdem er sich umgekleidet hatte, fand Rish-Adun. Seine schulterlangen, kastanienbraunen Haare, der rötliche Teint im Gesicht und die leicht gekrümmte Nase passten genau zu seiner jetzigen Kleidung – tausendmal besser als die Kleidung der Weißen. Rish-Adun stellte mit einem Mal fest, dass dieser junge Mann ihr eigentlich gefallen könnte, jetzt, wo er die abartigen Klamotten der Weißen abgelegt hatte. Sie nahm sich heimlich vor, ihre etwas aggressive Einstellung ihm gegenüber zu ändern. Seine blauen Augen faszinierten sie plötzlich, und sie fragte sich, ob er tatsächlich indianisches Blut in seinen Adern hätte.

Doch Charly wusste auch diesmal ganz genau, wie er die beginnende Sympathie gleich zunichtemachen konnte. »Und in welchen Zirkus oder besser Museum willst du mich verfrachten in dieser Montur?«, fragte der Tollpatsch.

Rish-Adun seufzte und verband ihm die Augen. Als er im Sattel saß, fesselte sie seine Hände auf den Rücken, damit er die Augenbinde nicht lösen konnte. Sie führte sein Pferd am Zügel und machte ihn rechtzeitig darauf aufmerksam, wenn er sich besonders fest am Sattel zu halten hatte. Er hörte andauernd die Klänge der Hufe auf blankem Gestein, ab und zu das Plätschern eines Baches und die Schreie eines Adlers oder Falken.

Irgendwann gegen Mittag schwebte Rauch in der Luft, und Rish-Adun löste ihm endlich die Fesseln. Er zog die Binde von den Augen und hatte zuerst Schwierigkeiten, überhaupt etwas zu erkennen. Während sie im Schritt weiterritten, klärte sich die Sicht, und er erkannte allmählich einen kegelförmigen Berg und davor das große Indianerdorf, das so wirkte, als wäre die Zeit in den letzten dreihundert Jahren hier stehen geblieben. Er sah Tipis, Pferdekoppeln, Totempfähle und den großen Versammlungsplatz in der Mitte. Ganz weit hinten, unter einem riesigen Felsvorsprung des Berges, erkannte er eine mehrstöckige, puebloartige Konstruktion aus Baumstämmen, Steinbrocken und Lehm. Mehrere Stockwerke übereinander schichtete sich der Koloss, fest an den Fels gebaut, vom Boden bis hinauf zum Felsendach – mit unzähligen Türen, Fenstern, Geländern, Treppen und Terrassen. Ein architektonisches Meisterwerk war der Riesenbau und betörend schön das Gesamtbild, das sich Charly bot. Noch verzaubernder war der Gedanke, plötzlich durch die Jahrhunderte zurückgereist zu sein.

Im Heranreiten erkannte Charly die einzelnen Indianer, wie sie friedlich ihren Beschäftigungen nachgingen. Alle trugen ihre traditionelle Kleidung – kein Stoff, kein Plastik und keine geschmacklosen Baseballmützen. Alles war original indianisch, einfach und schlicht steinzeitlich. Es duftete nach frisch gekochtem Essen, Kinder lachten, Holz wurde gespalten, Pferde wieherten, und die Wache schlug eine Trommel, um die Rückkehr Rish-Aduns zu verkünden.

»Was um Himmels willen geschieht hier?«, fragte Charly voll Staunen. Niemals hätte er geglaubt, was er jetzt mit eigenen Augen sah, und tausend Fragen bohrten in seinem völlig verwirrten Kopf.

»Das ist Kan-Tupey«, antwortete Rish-Adun über die Schulter. »Es ist die verborgene Siedlung der letzten freien Crows – ein geheimes Indianerdorf, errichtet mit Genehmigung der Regierung aus Ottawa. Hüte dich aber, jemals da draußen von dem zu sprechen, was du hier siehst und noch erfahren wirst!«

»Ein geheimes Dorf des roten Volkes, wo es noch so leben kann wie in seinen besten Zeiten? Das muss ja ein Riesenaufwand gewesen sein, eine solche Isolation zu schaffen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass ausgerechnet unsere knauserige Regierung solch ein Projekt finanziert.«

»Du sprichst weise Worte, Halbblut. Dieses Projekt wurde schon in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen gestartet, als wir beide noch nicht auf dieser Welt waren. Dafür wurde das Reservat ›109 Poundmaker‹ gegründet und später erweitert. Gleichzeitig wurde der riesige Raum südwestlich davon zum Naturpark erklärt – nicht etwa zu einem Nationalpark, wo jeder Tourist hindurchfahren darf, sondern zum totalen Naturpark, in welchen niemand, nicht einmal eingeweihte Rangers, hineindürfen. Es ist pures Indianerland – das letzte und originellste, dass es jemals gegeben hat. Außerdem gilt über dem ganzen Naturpark striktes Überflugverbot – und zwar nicht der Tiere wegen, wie du siehst.«

Rish-Adun musterte ihn noch einmal von oben bis unten, als sähe sie ihn jetzt zum ersten Mal: »Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass Ri-Ta-Na dich hierher bestellt hat. Doch ich warne dich: Stecke deine Nase nicht zu tief in diesen Napf und bilde dir gar nichts darauf ein, denn ab jetzt bist du eine Gefahr für dieses Projekt, und ich selber werde dich töten müssen, wenn du uns verrätst.« Rish-Adun hielt an und drehte sich im Sattel um: »Ich werde es bis in alle Ewigkeit bereuen, dem alten Mann von deiner blöden Crow-Kette erzählt zu haben. Deinetwegen verletzt er jetzt gerade seinen Pakt mit Ottawa. Mögen die Geister ihm beistehen und dich ins finsterste Schlangenloch verdammen, wenn ihm deswegen Schaden entsteht.«

Charly blickte ihr tief in die Augen. »Ich habe nicht um diesen Besuch gebeten.«

Rish-Adun setzte den Ritt fort. »Der alte Mann kann und darf Kan-Tupey nicht verlassen – und sein Wille ist Gesetz. Vor drei Jahren, als ich dich zu ihm bat, hatte er sogar an der Reservationsgrenze auf dich gewartet, um diesen Ort nicht preiszugeben. Du aber hast dich gesträubt, als ich dich abholen
wollte.«

»Ich … ich war eben noch nicht reif genug für eine solche Begegnung …«, konterte Charly und konnte sich nicht sattsehen an dem urigen Treiben der Crows.

»Na klar! Herumvögeln wie ein Weltmeister, aber wenn es ein bisschen Mumm braucht, dann feige kneifen. Mich wundert, dass dich die Wölfe nicht zerrissen haben, als du mir an der Lichtung des Totemwächters nachgeschnüffelt hattest.«

»Du weißt davon?«, fragte er verwundert.

»Da staunst du! Wenn ich dir wirklich alles sage, was ich über dich weiß, dann läufst du rot an wie ein Fliegenpilz und gräbst dich vor Scham in den Boden ein.«

Zum ersten Mal hörte Charly Rish-Adun lachen – ironisch lachen, aber angenehm.

Als sie so an den Menschen vorbeiritten, schien niemand besonderes Interesse an ihnen zu finden. Umso mehr aber verschlangen Charlys Augen alles, was sich links und rechts neben ihm tat. Der Gebrauch der einfachen Werkzeuge, die uralten Utensilien, die Düfte, das vertraute und selbstverständliche Miteinander – all das verlieh diesem Ort einen unrealistischen Hauch von Traum und Zauber zugleich. Ihm war, als schwebte er durch diese Landschaft als Zeitreisender oder Geist auf Abruf. Er sah die kleine Gruppe Jäger, die mit einem erlegten Hirsch aus dem Wald geritten kam, andere, die Holz herbeitrugen, Frauen, die irgendwelche Riemen schnitten oder Kleidung nähten. Überall wurde einem Handwerk nachgegangen, ob es nun das Gerben von Fellen war, Mörsern von Früchten, Pökeln von Fleisch oder das Fischräuchern.

 

Sie hielten vor dem riesigen Pueblo und begaben sich zu einer kreisförmig angelegten Stelle, in deren Mitte eine noch glühende Feuerstelle vor sich hinqualmte. Rish-Adun entnahm einem tönernen Behälter eine Handvoll Kräuterstaub und warf sie in die Glut. Es zischte kurz, und ein wohliger Duft umhüllte den Platz. Anschließend fächerte Rish-Adun den weißen Rauch mit den Handflächen zuerst über sich selbst, dann über Charlys Gesicht. »Damit die bösen Geister, die wir von draußen mitgebracht haben, entweichen«, erklärte sie. »Bei dir jedoch wird dieses bisschen Rauch so gut wie gar nichts bewirken – dich müsste man gänzlich abfackeln.«

Danach musste Charly seine Waffen, bis auf das Messer, ablegen und Rish-Adun durch einen der vielen Eingänge ins Innere des großen Baues folgen. Fackeln erhellten den breiten Gang, der zu einer geräumigen, runden und hohen Halle führte. Terrassenartig stieg der Raum nach allen Seiten bis hinauf unter die Decke. Nur wenige Lichter beleuchteten dagegen den untersten, mittleren Teil, wo Baumstämme kreisförmig um eine Feuerstelle zum Sitzen hingelegt waren. Hier nahmen sie Platz und warteten.

 

Es dauerte eine Weile, bis drei junge Frauen mit rauchenden Tonschalen hereintraten und diese vor Rish-Adun, Charly und einem freien Sitzplatz ihnen gegenüber abstellten. Dann begaben sie sich auf einen der höheren Ränge und stimmten mit Rasseln, einer kleinen Trommel und einer knöchernen Flöte eine leise, sanfte und monotone Melodie an. Einer der Fellvorhänge wurde beiseitegezogen, und bläuliches Licht strömte aus dem Nebenraum hervor. Drei weitere junge Frauen geleiteten den alten Medizinmann in den Kreis. Charly, der sich erhoben hatte, betrachtete ehrfürchtig den greisen Indianer, in dessen langen, weißen Haaren diverse Ritualfäden eingeflochten waren. Je drei Adlerfedern hingen an jeder Schläfe herunter, das golden bestickte Haarband enthielt glitzernde Steine, mehrere Votiv-Halsketten schmückten seine Brust, und in seinem kunstvoll geflochtenem Gürtel steckte ein Dolch mit geschnitztem Walrossgriff. Sein langes Lederhemd und die Hose waren schlicht mit hellblauen und roten Stickereien versehen. Eine mit bunten, unzähligen Federn verzierte Decke umschlang seine Schultern und hielt ihm den Rücken warm.

So stand er nun vor Charly und blickte aus seinen schwarzen Falkenaugen auf die Kette um dessen Hals. Sanft berührte er das Zwillingssymbol mit den Fingern, als wäre er blind und müsste es ertasten. Sein zweiter Blick traf Charly mitten in die Pupillen. Unendlich lange schien er ihn anzustarren – als könne der Alte bis tief hinein in seine Seele schauen. Anschließend betrachtete er das geflochtene Armband und ließ auch hier seine Finger darübergleiten. Ein wohliges Lächeln fuhr über die Lippen des Medizinmannes, als würde er sich gerade an etwas Angenehmes erinnern.

Bisher hatte der Alte kein Wort von sich gegeben. Auch jetzt nicht, als er seinen Dolch zog und diesen Rish-Adun reichte. Sie nahm ihn entgegen und krempelte ihren linken Ärmel auf. Befremdet starrte Charly auf die vorhandenen Schnittnarben an ihrem Unter- und Oberarm. Strichartigen Tätowierungen glichen die abwechselnd hellblau und ocker gefärbten Male. Während er sich fragte, was das wohl zu bedeuten habe, verfolgte er, wie Rish-Adun nun auch Ri-Ta-Nas Ärmel hochkrempelte, wo die gleichen Narben zu sehen waren. Danach war er selbst an der Reihe und ließ sich die Ärmel hochkrempeln.

Rish-Adun bückte sich und hielt den Dolch über die Glut einer jeden der drei Schalen am Boden, wonach sie die Klinge an Ri-Ta-Nas Unterarm ansetzte und ruckartig einen kurzen Schnitt über die Haut zog. Sorgfältig ließ der Medizinmann die Blutstropfen in die rauchende Schale fallen, als würde die Welt untergehen, wenn er jetzt auch nur einen Tropfen vergeuden würde. Bei jedem weiteren Tropfen zischte es, und der weiße Rauch nahm eine lila Färbung an. Nach einer Weile streute eine der drei Begleiterinnen blaues Pulver über die Wunde, legte feuchte Kräuterblätter darauf und verband seinen Arm.

Rish-Adun gab dem Alten den Dolch zurück und zog nun ihr eigenes Messer, bückte sich und reinigte es gleichfalls über den drei Glutschalen. Danach führte sie dasselbe Ritual auch bei sich durch. Erneut stieg lila Rauch, auch aus ihrer Schale, empor. Während sie gleichfalls einen Verband erhielt, brachten zwei weitere Frauen eine giftige Kreuzotter und ein Präriehuhn herein. Gekonnt und schmerzlos trennten sie ihnen die Köpfe ab und ließen abwechselnd deren Blut nacheinander in alle drei qualmenden Schalen tröpfeln. Diesmal aber stieg kein lila Rauch mehr auf, wie bei Rish-Adun und dem Alten, sondern grüner Qualm. Nun trat ein Krieger herein, fügte sich selbst einen Schnitt in den Unterarm zu und tröpfelte gleichfalls sein Blut in alle drei Schalen – die Farbe des Rauches war gelb.

Aller Blicke richteten sich jetzt auf Charly. Er wusste, was von ihm erwartet wurde – so zog er unaufgefordert seine eigene Klinge und tat dasselbe. Wie bei Rish-Adun und Ri-Ta-Na stieg ebenso lila Rauch empor. Ri-Ta-Nas Augen strahlten und tränten zugleich, als er nun Charly mit Wohlgefallen und auch Trauer anschaute. »Ich bin Ri-Ta-Na«, raunte er mit ruhiger, bedachter Stimme auf Englisch. »Und du bist der Sohn von Hay-Nay, auch Hanna genannt, der Tochter von Lay-Shee – die wiederum meine eigene Tochter ist.« Ri-Ta-Na klopfte dem nun völlig irritierten Charly besänftigend auf die Schulter. »Ich bin sozusagen der Urgroßvater auf deiner indianischen Seite, und der Mann, der dir dieses Armband geflochten hat, ist mein alter Freund Tom. Er ist ebenfalls dein Urgroßvater, jedoch von deiner weißen Seite – der Vater deines Großvaters, den sie da drüben, jenseits des großen Wassers, Karl nennen.«

Ri-Ta-Na erhob beide Arme, sodass er mit seiner ausgebreiteten Decke und den Federn einem fliegenden Vogel glich. »Ich danke dem Großen Geist, dass er mir meinen Urenkel geschickt hat. Nun hilf mir, du Geist meiner Ahnen, dass ich auch seinen Zwillingsbruder mit eigenen Augen sehen kann, denn ich weiß, dass es ihn gibt, und ich weiß auch, wo er sich aufhält, zusammen mit der Tochter meiner Tochter, Hay-Nay

Mit einem Mal wurde er nachsinnend und betrübt. Er wandte sich zu Rish-Adun und raunte auf Teton-Lakota: »Er ist Blut von meinem Blut – und sein Blut hat in der Glut gesprochen. Ich sah in seinem Rauch jedoch das, was ich über all die Jahre hin gespürt und befürchtet habe. Nun habe ich die Gewissheit, dass meine Tochter Lay-Shee tot ist – gleichfalls auch ihr Mann Karl, der sie von hier übers Wasser gefahren hat, so auch die beiden Brüder meiner Enkelin Hay-Na


 
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